Digitale Revolution - wie ist damit umzugehen?

Digitale Revolution - wie ist damit umzugehen?

Warum ist die Digitale Revolution (DR) ein Thema für Executive Coaching?

  1. Beim Sparring mit Kunden ist die DR sowohl im Zusammenhang mit der Firmenstrategie als auch in Bezug auf Investitionen und Innovation ein unumgängliches Thema. Die Chefs äussern oft das Bedürfnis, mehr über DR zu sprechen. Diese Artikel-Serie soll dazu die Basis legen.
  2. Erfahrungsgemäss stellt der Umgang mit DR für Führungspersonen eine Herausforderung dar. Das Ziel ist, dass Sie und Ihre Schlüsselpersonen sich mit diesem Thema wohl fühlen und in der Lage sind, die reellen sowie potenziellen Chancen und Risiken positiv und aktiv anzugehen.

Meine Kurzserie zur Digitalen Revolution umfasst die folgenden Themen:

  • Artikel 1: Die Digitale Revolution (DR) – Dimension der Veränderung und Geschwindigkeit
  • Artikel 2: Wie soll meine Organisation mit diesen Veränderungen umgehen?
  • Artikel 3: Was bedeutet die DR für mich und das Management?

Die Digitale Revolution (DR)  - Schneller und umfassender als allgemein angenommen

Zuerst möchte ich eine gängige Definition von Wikipedia zitieren. Schlagworte zum Thema findet man zuhauf. Diese Definition bringt es auf den Punkt, wobei mir hier noch der Hinweis auf die hohe, zum Teil exponentielle Geschwindigkeit dieses Wandels fehlt:

Der Begriff Digitale Revolution (auch dritte industrielle Revolution oder Elektronische Revolution) bezeichnet den durch die Digitalisierung und Computer ausgelösten Umbruch, der seit Ausgang des 20. Jahrhunderts einen Wandel sowohl der Technik als auch (fast) aller Lebensbereiche bewirkt und der in die Digitale Welt führt, ähnlich wie die Industrielle Revolution 200 Jahre zuvor. Heinrich Klotz spricht von einer „Zweiten Moderne“. (Wikipedia)

Die Digitale Revolution steht somit nicht bloss für eine von Wenigen gesteuerte Aktion, sondern meint ganz allgemein die Fülle von Innovationen, welche dank der digitalen Entwicklung überhaupt erst möglich sind und werden. Gemeint sind die Entwicklungen von Millionen von Unternehmen und Hochschulen auf allen Fachgebieten, die unabhängig voneinander entweder eigene neue, digital basierte Technologien ausarbeiten oder beruhend auf andere neue digitale Technologien wiederum neue Techniken entwickeln. Diese beeindruckende Multiplikation wird durch einen der grossen digitalen Treiber der Geschwindigkeit unterstützt: Dem Internet mit globalem Zugriff.

Was ich mit Wucht der DR-Veränderung meine, lässt sich gut am Beispiel des Mobiltelefons illustrieren: 1973 entwickelte Martin Cooper das erste „Cellphone“. Es konnte nur Gesprochenes übermitteln, war sehr gross, unhandlich und kostete ein Vermögen. 2007 kam das erste iPhone auf den Markt und die ersten Apps wurden eingeführt. Was vor nun bald 10 Jahren begann, hat inzwischen dazu geführt, dass das Telefon heute nicht mehr nur ein Telefon ist, sondern ein Smartphone – ein äusserst kluges Telefon - und damit ein in der breiten Masse nicht mehr wegzudenkendes mobiles, intelligentes Datencenter. Mit seinen Apps wird dieses inzwischen für alle erdenklichen Alltagssituationen genutzt. Gesundheit und Fitness, Hobbys etc. bis hin zum elektronischen Zahlungsverkehr. Viele Firmen leben heute mit und von Apps – einer Technologie, welche es vor 10 Jahren noch nicht einmal gab.

Die Entwicklung von 1973 bis 1989 war ungleich langsamer. In16 Jahren brachte sie uns „nur“ von einem umständlichen grossen tragbaren Telefon zu einem von der Grösse her echten portablen Telefon – mit marginal verbesserter Funktionalität. Ab 1993 erhöhte sich die Geschwindigkeit dann sichtbar: 1993 war es noch eine kleine Elite, die mit einem IBM-Mobiltelefon rudimentär einen Kalender zu führen wusste, 2002 bot das Blackberry dann eine viel breitere Welt mit E-mail und einfacher Web-Funktion. Ein grosser Sprung. Nichts jedoch im Vergleich zu den letzten 10 Jahren, vom ersten iPhone 2007 zur globalen Smartphone-Überschwemmung 2016, welche unser Leben revolutioniert hat, inkl. GPS, Kamera, Bewegungssensor und unzähligen Apps.

Digitale Revolution - wie ist damit umzugehen?

Ob das gut ist oder schlecht, ist ein anderes Thema. Diese Telefon-Entwicklung soll veranschaulichen, ein Beispiel sein für

  1. die Bedeutung und den Einfluss der Veränderung auf die globale Gesellschaft.
  2. die sich laufend erhöhende Entwicklungs- und Umsetzungsgeschwindigkeit von Technologien.

Was heute belächelt wird, nutzt übermorgen die ganze Welt. Ursprünglich ging man davon aus, dass das Smartphone den wirtschaftlich starken Ländern vorbehalten sein würde. Grosser Irrtum: Die Preise kamen so tief runter, dass Entwicklungsländer intensiv teilhaben konnten. Die technologische Entwicklung überspringt wirtschaftliche und politische Barrieren mit einer noch nie da gewesenen Geschwindigkeit. Die Wucht der digitalen Entwicklung.

In der Technologie haben sich Rechenleistung und Speicherkapazität enorm verändert. Die heutigen Smartphones übersteigen bei Weitem die Rechenleistung und Fähigkeiten der ersten Computer, und dies zu einem Bruchteil der damaligen Kosten. Das Mooresche Gesetz (mehr eine Prognose) sah ursprüngliche eine Verdopplung der Rechenleistung alle zwei Jahre voraus. Heute geht man von einer Verdopplung alle 18 Monate aus. Es hilft vielleicht, sich das als Geschwindigkeit vorzustellen. Wenn uns die Veränderung vor  3 Jahren schnell vorkam, d.h. wie eine Geschwindigkeit wie 100 km/h (entspricht einem Auto), dann wären es heute 400 km/h (Hochgeschwindigkeitszug) und in 3 Jahren 1600 km/h (Überschall-Kampfjet) und in 6 Jahren 6400 km/h (Hyperschall). Die letzten 10 Jahre an Entwicklung waren schon ausserordentlich beeindruckend. Wir würden uns aber enorm täuschen, wenn wir glauben, dass die Entwicklungsgeschwindigkeit für die nächsten 10 Jahre so bleibt. Basierend auf dem was wir heute wissen, wird die Veränderung ungleich grösser sein, vermutlich für die meisten von uns unvorstellbar sein.

Wir können und sollten uns damit abfinden, dass wir diese Entwicklungen nicht alle vorhersehen und steuern können. Wir sind jedoch frei, wie wir damit umgehen wollen.

Und noch ein Bild, das helfen soll, die Veränderung und Beschleunigung aus der Vergangenheit zu veranschaulichen: Wer erinnert sich an die ersten floppy disks mit einer Speicherkapazität von 365 KB? Diese wurden dann rasch (innert 3-5 Jahren) abgelöst von jenen mit 1.4 MB. Eine solche disk kostete damals um die 4 Franken (nicht Inflationsbereinigt). Heute kostet ein 16 GB USB-Stick 5 Franken und ist praktisch zum Wegwerfartikel mutiert. Sowohl der Wandel als auch die Leistungssteigerung sind rasant. Um sich das bildlich vorzustellen: Ein solcher USB-Stick, den wir in der Hosentasche herumtragen, hat mehr Speicherkapazität als 11’000 Stück der 1,4 MB floppy disks – aufeinandergestapelt wären die 330 Meter hoch und damit höher als der Eiffelturm! Heute ist ein USB-Stick mit 128 GB für CHF 50.- zu haben. Schenken wir dem Mooreschen Gesetz Glauben, wird 2018 ein USB-Stick mit 256 GB für CHF 50.- erhältlich sein, vermutlich sogar noch günstiger.

Die Kombination der digitalen Geschwindigkeit und der Innovation führt also zu diesem schnellem Wandel. Wenn wir uns dessen bewusst sind und wir wissen, wie wir damit umgehen wollen, verliert der Wandel an Schrecken. Das wiederum ist die Ausgangslage um alledem gut begegnen zu können.

Trifft die Wucht der Entwicklung alle Branchen und Lebensbereiche?

Müssige Frage? Vielleicht. Nichts desto trotz sehe ich immer wieder, dass die Entwicklung und deren Auswirkungen vor allem bei „den anderen“ als solche gesehen werden. Die Erkenntnis, dass alle Geschäfte und alle Individuen davon beeinflusst sind und sein werden, dass jeder Berufsstand betroffen ist, wird noch viel zu wenig akzeptiert. Die Auswirkungen werden in einigen Bereichen schneller und heftiger sein, sicher aber alle beeinflussen.

Nicht alle Entwicklungen sind fundamental neu. Einige neue Technologien bestehen eigentlich nur aus zusammengesetzten bestehenden Technologien. Die sozialen Medien sind ein Beispiel dafür, denn Facebook, Twitter und Co. basieren auf dem Internet und, salopp formuliert, auf adaptierten Plattform-Techniken. Die Köpfe dahinter haben diese Techniken wohl ausgebaut und ein Geschäftsmodell daraus gemacht, was klar eine Innovation war, nicht aber unbedingt eine technologische. Dasselbe gilt für Uber und Airbnb. Spanend dabei ist, zu sehen, dass alleine die erweiterte Nutzung von bestehenden Technologien zu grossen Veränderungen führen kann. Auch diese erweiterten Anwendungen sind unglaubliche Geschwindigkeitsbeschleuniger mit Auswirkungen auf Politik, Gesellschaft und Wirtschaft.

Digitale Revolution - wie ist damit umzugehen?

Disruptive Entwicklungen und die grössten Technologietreiber

Eine der Folgen dieses digitalen Wandels sind sogenannte disruptive Innovationen. Disruptiv weil sie Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle obsolet machen. Beispiele, die wir alle aus dem Alltag kennen sind: Enzyklopädien werden verdrängt durch Wikipedia, Bibliothekswesen teilweise vom Internet, Telefonzellen durch Mobiltelefone, ehemals analoge Radio- und Fernsehsender sind heute digital, mobiles Banking hat (unter anderem) in Afrika die Bankenwelt stark verändert, Printwerbung wird ersetzt durch Werbebanner im Internet, Analoge Fotografie wird heute einigen Nostalgikern und Spezialisten überlassen, E-Mails verdrängen Briefe, Reisebüros werden abgelöst von Internetdiensten... die Liste liesse sich beliebig fortsetzen.

Beispiele für aktuelle Innovationen:

  • Das mobile Internet fängt gerade an durchzustarten, für die Organisation von Reisen, Barzahlungen, Banking, medizinische Abklärungen, medizinische Überwachung, Operationen über Distanz...
  • Künstliche Intelligenz mit Expertensystemen für medizinische, technische, juristische Dienstleistungen. Zudem wird der User geleitet (verleitet?), wo und was er essen, trinken oder wen er treffen soll
  • Robotik wird eingesetzt für physische Hilfen für den Menschen: Blinde können sehen, Gehbehinderte gehen, Hilfsroboter übernehmen schwere Arbeiten. Das Thema Maschine und Mensch und wie Hilfsgeräte immer näher zum Menschen kommen bis hin zu Maschinenimplantaten und Maschinenprothesen, 3D-Drucke in Kleinauflagen, 3D Druck neu auch von Häusern, von inneren Organen, von...
  • Erster Transport durch autonome Fahrzeuge, was unser Kaufverhalten bezüglich Autos auf den Kopf stellen wird, sofern wir überhaupt noch ein Auto besitzen wollen, die Auswirkungen auf die damit verbundenen Vor- und Nachgelagerten Industrien (automatisierte Wartung, keine Parkhäuser mehr, Tankstellen-Netze nicht mehr nötig für Elektroautos, Einfluss auf den öffentlichen Verkehr uvm.)
  • Genomics und Genmanipulation: Die Erkenntnisse bezüglich der Aufschlüsselung des DNS-Codes entwickeln sich rasant, die Fähigkeit, DNS zu verändern und masszuschneidern somit auch. Und damit auch der menschlich gesteuerte direkte, schnelle Einfluss auf unsere kurzfristige Entwicklung und unsere Evolution

Wollen wir das alles überhaupt?

Persönlich finde ich einige der Entwicklungen beunruhigend und frage mich, was das wohl für Konsequenzen haben wird. Unabhängig davon ob wir das alles wollen – es passiert. Die Zukunft wird vermutlich – wie in der Vergangenheit – nicht fundamental besser oder schlechter, sicher aber komplett anders sein als heute. Vermutlich noch mehr anders als wir uns das heute vorstellen können.

Die Quintessenz:

  1. Diese Veränderungen sind eine Herausforderung für die gesamte Menschheit, nicht nur für Geschäftsführer. Akzeptieren des Wandels ist die Startposition um diesem erfolgreich zu begegnen
  2. Es kommt viel auf uns zu. Wir können nicht wissen, was wann entwickelt und auf dem Markt sein wird. Es fehlt uns schlichtweg die Phantasie, jede mögliche Entwicklung vorauszusehen.
  3. Die Zukunft der meisten Geschäfte und Geschäftsmodelle ist praktisch nicht absehbar. Diese Unsicherheit verlangt einen anderen Ansatz der Planung (Thema im nächster Blog).
  4. Das Wissen um den ursprünglichen Kundennutzen im Kontext von zukünftigen Entwicklungen wird noch entscheidender als in der Vergangenheit.  (Thema nächster Blog)
  5. Das Wort „agility“ bekommt in diesem Zusammenhang eine neue Bedeutung: Agility kann verstanden werden als Ausdruck für die Fähigkeit einer Organisation, sich schnell auf Neues auszurichten. Warum (Thema nächste 2 Blogs)

Im nächsten Artikel: Wie soll meine Organisation mit diesen Veränderungen umgehen?

Sie haben noch nicht genug von den Zukunftsvisionen? Mit diesem Link kommen Sie zu einem Blog mit ein paar Aussagen von Raymond Kurzweil, dem Autor des Bestsellers „The singularity is near“. Nomen est Omen – Kurzweil lässt keine Langeweile aufkommen. Die Alternative ist der Video Link für You Tube.

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